Psychosoziale Notfallversorgung auf Föhr
Veröffentlicht von Pit am 18. Februar 2026
Wenn das Erlebte nachwirkt: Warum PSNV auf Föhr immer wichtiger wird
Blaulicht. Sirenen. Ein Rettungshubschrauber über Wyk. Für viele ist es ein kurzer Moment, vielleicht ein Innehalten am Straßenrand – und dann geht der Alltag weiter. Für andere verändert sich in genau dieser Situation alles. Ein Unfall. Ein medizinischer Notfall. Eine Reanimation. Ein Anruf mitten in der Nacht.

Was bleibt, wenn der Rettungswagen wieder abgefahren ist? Wenn Feuerwehr und Polizei ihre Arbeit getan haben? Wer kümmert sich um die, die danebenstehen – Angehörige, Zeugen, Nachbarn? Und wer kümmert sich um die, die helfen?
Über genau diese Fragen hat unsere Redaktion ausführlich mit Angelika Regner und Nils Twardziok gesprochen. Zwei Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die psychosoziale Notfallversorgung – kurz PSNV – auf Föhr weiter aufgebaut und langfristig gestärkt wird.
Wenn Einsätze nicht einfach vorbei sind
Nils Twardziok blickt auf 38 Jahre Dienst bei der Freiwillige Feuerwehr zurück. Unzählige Einsätze, Brände, Verkehrsunfälle, technische Hilfeleistungen. Situationen, in denen schnelles Handeln gefragt ist und keine Zeit für Emotionen bleibt. „Wir funktionieren“, sagt er. „Wir fahren unser Schema ab. Aber was passiert danach?“
Denn nach dem Einsatz kommt für viele erst die eigentliche Belastung. Bilder bleiben im Kopf. Geräusche. Gerüche. Gesichter. Gerade auf einer Insel wie Föhr, wo man sich kennt, wo Namen keine Anonymität bieten, wirken Ereignisse oft länger nach als in einer Großstadt.
Nils spricht offen über seine eigene posttraumatische Belastungsstörung. Sie ist nicht durch einen einzelnen Einsatz entstanden, sondern durch die Summe vieler Erlebnisse. Besonders das Ehrenamt habe ihn stark geprägt. Menschen zu kennen, die plötzlich verunglücken. Angehörige zu sehen, die zusammenbrechen. Das alles hinterlässt Spuren.
Genau deshalb möchte er, dass auf Föhr eine feste PSNV-Struktur entsteht – nicht als Ersatz für bestehende Angebote in Nordfriesland, sondern als Ergänzung direkt vor Ort.
Was bedeutet PSNV eigentlich?
Psychosoziale Notfallversorgung bedeutet Unterstützung für Menschen in akuten seelischen Ausnahmesituationen. Dabei unterscheidet man zwischen PSNV für Betroffene – also Angehörige, Zeugen oder direkt involvierte Personen – und PSNV für Einsatzkräfte.
Es geht um Menschen, die nach einem Ereignis nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können. Um diejenigen, die nachts wachliegen, weil sich Szenen immer wiederholen. Um Menschen, die Schuldgefühle entwickeln oder sich fragen, ob sie etwas hätten anders machen können. PSNV setzt genau dort an, wo medizinische Hilfe endet und seelische Belastung beginnt.
Angelika Regner: „Ich möchte noch etwas bewegen“

Angelika Regner bringt eine beeindruckende berufliche Geschichte mit. 47 Jahre Krankenschwester, mehr als 30 Jahre Intensivmedizin, zusätzlich ein Studium im Bereich Entspannungspädagogik und Stressmanagement. Nach ihrer Zeit beim Weißen Ring auf Föhr engagierte sie sich weiter, unter anderem im Marienhof. Mit dem offiziellen Renteneintritt hätte sie sich zurückziehen können. Doch genau das kam für sie nicht infrage. „Ich möchte nicht einfach nur zu Hause sitzen. Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben und für Menschen da sein.“
Der entscheidende Impuls kam durch ein Gespräch im Podcast vom Inselradio Föhr, in dem Nils über Krisenintervention sprach. Für Angelika war sofort klar: Das ist es. Das möchte ich machen.
Nun beginnt für sie eine einjährige Ausbildung zur Notfallseelsorgerin. Sie wird regelmäßig nach Flensburg fahren, Module besuchen, sich mit Themen wie Trauerbegleitung, Gesprächsführung in Extremsituationen, Überbringen von Todesnachrichten und nachhaltiger Begleitung auseinandersetzen. Es geht nicht nur darum, im akuten Moment ansprechbar zu sein, sondern auch Wochen später noch für Betroffene da zu bleiben. „Es wird anspruchsvoll“, sagt sie. „Aber ich freue mich darauf.“
Föhr braucht kurze Wege
Zwar gibt es bereits eine PSNV-Struktur in Nordfriesland, doch die Anfahrt auf eine Insel dauert. Und gerade in Ausnahmesituationen zählt Zeit – und Nähe. Föhr ist eng vernetzt. Man kennt sich vom Sportverein, vom Einkaufen, aus der Schule der Kinder. Ein schwerer Unfall ist hier kein anonymes Ereignis, sondern betrifft das soziale Gefüge.
Genau deshalb halten Angelika und Nils eine feste, lokal verankerte Struktur für sinnvoll. Ziel ist es, dass die Leitstelle bei Bedarf direkt eine Insel-Einheit alarmieren kann – ähnlich wie Feuerwehr oder Rettungsdienst.
Wenn Gaffen und Filmen zur zusätzlichen Belastung werden
Ein Punkt, der im Gespräch viel Raum einnahm, war das Verhalten bei Notfällen. Gaffen. Filmen. Sensationslust.
Angelika beschreibt eindringlich, was solche Bilder anrichten können. Wer eine Reanimation oder schwer verletzte Menschen sieht und diese Eindrücke mit nach Hause nimmt, trägt sie oft lange in sich. Manchmal kommen sie erst später wieder – nachts, in Träumen, in stillen Momenten. „Diese Bilder graben sich ein“, sagt sie. „Und sie kommen nicht sofort. Sie kommen später.“
Nils ergänzt, dass das Gaffen nicht nur Betroffene belastet, sondern auch Rettungsmaßnahmen verzögert. Menschen, die unbedingt durch eine Absperrung wollen. Autofahrer, die trotz klarer Lage weiterfahren möchten. Die Sensationsgier sei gewachsen, sagt er – und damit auch der Egoismus.
Unsere eigene Erfahrung als Redaktion
Auch wir als Redaktion haben erlebt, wie emotional und teilweise aggressiv Stimmung bei Einsätzen werden kann. Bei einem medizinischen Notfall in Wyk haben wir uns bewusst entschieden, nicht zu berichten. Keine Fotos. Keine Details. Trotzdem wurden wir im Nachhinein angesprochen und kritisiert, warum keine Informationen veröffentlicht wurden.
Hier möchten wir es klar sagen: Nicht jeder Einsatz gehört in die Öffentlichkeit. Ein medizinischer Notfall ist kein Spektakel. Wenn wir entscheiden, nicht zu berichten, dann hat das Gründe – vor allem Respekt vor den Betroffenen.
Wie verhalte ich mich richtig bei einem Notfall?
Für Nils ist die Antwort klar: Zuerst helfen, wenn man es kann. Den Notruf wählen. Erste Hilfe leisten. Und wenn man sich unsicher fühlt, dann zumindest dafür sorgen, dass Einsatzkräfte ungehindert arbeiten können. Wer nicht helfen kann oder möchte, sollte Abstand halten. Keine Videos. Keine Fotos. Keine Diskussionen an der Absperrung. Und wer merkt, dass ihn ein Ereignis selbst belastet, sollte sich Unterstützung suchen. Genau dafür wird PSNV gebraucht.
Der Blick nach vorn
Angelika wird ihre Ausbildung voraussichtlich im Dezember abschließen. Danach kann sie offiziell für PSNV-Einsätze auf Föhr alarmiert werden. Parallel dazu arbeitet Nils weiter am organisatorischen Aufbau der Struktur. Die Gruppe trifft sich regelmäßig, klärt Zuständigkeiten, organisiert Ausbildungswege und sucht Unterstützung. Gespräche mit Verantwortlichen auf Amtsebene laufen, ebenso die Abstimmung mit bestehenden Strukturen im Kreis Nordfriesland.
Was sich das Angelika und Nils wünschen
Beide wünschen sich vor allem eines: Empathie. Mehr Sensibilität. Mehr Bewusstsein dafür, dass hinter jedem Blaulicht ein Mensch steht – oft mehrere.
Nils bringt es mit einem Bild auf den Punkt:
„Wenn ein Auto kaputt ist, fährt man in die Werkstatt. Wenn der Kopf kaputt ist, sollte man sich auch Hilfe holen.“
Psychosoziale Notfallversorgung bedeutet nicht Schwäche. Sie bedeutet Stärke. Sie bedeutet, anzuerkennen, dass Erlebtes nachwirkt.
Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieses ausführlichen Gesprächs: Ein Einsatz endet nicht, wenn die Sirenen verstummen. Manchmal beginnt dann erst das, was wirklich Unterstützung braucht.
