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Pflege im Kreis Nordfriesland

Veröffentlicht von am 15. Januar 2026

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Kreistag beschließt Pflegebedarfsplan als Kompass für künftige Arbeit.

Als Frau M. (82) vor wenigen Monaten nach einem Sturz nicht mehr allein zu Hause zurechtkam, musste innerhalb weniger Tage vieles entschieden werden: Wie geht es weiter? Wo gibt es Unterstützung? Und welche? Wer hilft, Zuschüsse zu beantragen? Solche Situationen sind längst keine Ausnahme mehr. Der nordfriesische Kreistag hat auch deshalb einen Pflegebedarfsplan für die Jahre 2026 bis 2029 verabschiedet. Er zeigt, wo Bedarfe wachsen, wo Lücken entstehen – und wie der Kreis gemeinsam mit Kommunen, Anbietern und Ehrenamt die Pflegelandschaft weiterentwickeln will.

Landrat Florian Lorenzen und Saskia Voigt aus dem Fachbereich Soziales, Arbeit und Teilhabe präsentieren den Pflegebedarfsplan 2026 bis 2029. © Kreis Nordfriesland

„Pflegebedarf kommt oft plötzlich – und dann wird es für Betroffene und Familien schnell überwältigend“, weiß Landrat Florian Lorenzen. „Der Pflegebedarfsplan ist unser Kompass: Er macht sichtbar, was sich verändert, mit welchen Größenordnungen wir rechnen müssen, und er gibt uns konkrete Aufgaben. Die meisten sind nur gemeinsam mit vielen Partnern zu schaffen.“

Zahlen zeigen Handlungsdruck

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Mehr als 10.000 Menschen im Kreis Nordfriesland haben bereits einen Pflegegrad. Die Entwicklung verläuft rasant: 2017 waren 105 Personen in den untersten Pflegegrad 1 eingestuft, 2023 waren es bereits 14-mal so viele. Am höchsten liegen die Zahlen im Pflegegrad 2: Ihn haben über 4.000 Personen. Viele von ihnen werden zu Hause durch Angehörige versorgt.

Knapp 40 Prozent der Menschen über 80 Jahre im Kreis Nordfriesland nehmen Pflegeleistungen in Anspruch, 60 Prozent tun es nicht. Viele von ihnen engagieren sich ehrenamtlich oder pflegen selbst Angehörige – und sind damit tragende Säulen der Gesellschaft.

„Dass so viele Menschen in Nordfriesland zu Hause gepflegt werden, ist vor allem das Verdienst ihrer selbst hochbetagten Ehepartner, ihrer Kinder oder Enkel“, betont der Landrat. „Sie leisten einen enormen Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gemeinschaft – oft neben Beruf und eigener Familie. Dafür gilt ihnen mein ausdrücklicher Dank und Respekt.“

Pflegestützpunkt: Beratung, die ankommt

Eine zentrale Rolle spielen die vier Fachfrauen des im Gesundheitsamt angesiedelten Pflegestützpunktes im Kreis Nordfriesland. Ihre Arbeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Sie bieten monatliche Sprechstunden in mehreren Orten an, machen Hausbesuche, beraten zu Fragen rund um Pflege und unterstützen bei Anträgen.

Ambulante Versorgung gezielt stärken

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der besonderen Herausforderungen einer ländlich geprägten Region misst der Kreis Nordfriesland der ambulanten Pflegeversorgung eine zentrale Bedeutung bei. Ambulante Dienste ermöglichen es pflegebedürftigen Menschen, möglichst lange im eigenen Zuhause zu bleiben – ein Wunsch, den viele Betroffene ausdrücklich äußern. Gleichzeitig entlastet eine starke ambulante Versorgung stationäre Einrichtungen und die kommunale Sozialhilfe.

Der Pflegebedarfsplan benennt deshalb konkrete Handlungsempfehlungen zur Sicherstellung und Weiterentwicklung der ambulanten Pflege. Dazu gehören unter anderem der Ausbau von Entlastungs- und Quartiersangeboten, die stärkere Vernetzung regionaler Anbieter, neue Versorgungskonzepte für den ländlichen Raum sowie Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung und -qualifizierung. Der Kreis setzt dabei auf Beratung, Koordination und Kooperation – etwa im Rahmen des Netzwerks Pflege und des künftig jährlich stattfindenden Pflegedialogs.

Die Herausforderungen in der ambulanten Pflegeversorgung sind auch ein landesweites Thema. Dementsprechend hat das Land mit dem Landespflegeausschuss ein Landes-Maßnahmenpaket zur Stärkung der Pflege erarbeitet. Der Kreis Nordfriesland übernimmt dabei eine aktive Rolle. So ist er unter anderem an der Maßnahme beteiligt, ambulante Pflegedienste in unterversorgten Regionen gezielt zu stärken und neue Versorgungsansätze im ländlichen Raum zu entwickeln. Der Pflegebedarfsplan bildet hierfür die zentrale Planungsgrundlage auf kommunaler Ebene und verzahnt die lokalen Handlungsschritte mit den landesweiten Zielsetzungen.

Pflege braucht das ganze Dorf: Quartiere als Schlüssel

Der Pflegebedarfsplan setzt einen Akzent auf das, was im Alltag oft den entscheidenden Unterschied macht: Hilfe vor Ort. Quartiersangebote müssen lokal gedacht, organisiert und passend gestaltet werden. Beispiele sind Dorfgemeinschaftshäuser und Nachbarschaftstreffs, die Kontakte fördern, aber auch Nachbarschaftshilfen, in denen Bürgerinnen und Bürger sich gegenseitig unterstützen. Dorfkümmerer und Quartiersmanager – weit überwiegend Frauen –, die bereits in insgesamt rund 20 nordfriesischen Gemeinden tätig sind, gehören zu diesen Strukturen.

„Es gibt nicht die eine passende Lösung für alle“, betont Christian Grelck, der Leiter des Fachbereiches Soziales, Arbeit und Teilhabe der Kreisverwaltung. „Quartiersarbeit ist immer individuell. Entscheidend ist: Was brauchen die Menschen vor Ort – und wer kann mitmachen?“

Der Kreis möchte deshalb Gemeinden und auch einzelne Bürgerinnen und Bürger ausdrücklich ermutigen, Ideen zu entwickeln: Welche Angebote wären sinnvoll – und wie lassen sie sich umsetzen? Saskia Voigt aus Grelcks Fachbereich übernimmt die Aufgabe, solche Initiativen zu unterstützen und Gemeinden mit Ideen zur Quartiersarbeit zu beraten. Denkbar wären auch Workshops vor Ort, an denen alle Interessierten teilnehmen können.

Kreistag setzt auf Austausch: Jährlicher Pflegedialog kommt

Der Kreistag hat die Verwaltung zudem beauftragt, einen jährlichen Pflegedialog zu etablieren. Ziel ist es, die Pflegelandschaft kontinuierlich weiterzuentwickeln, die Zusammenarbeit der Anbieter zu stärken und den Austausch zwischen Kommunen und Pflege zu fördern. Um Pflege auch künftig wohnortnah zu sichern, will der Kreis beispielweise alternative Angebotsformen stärker fördern – etwa Wohnen in Hausgemeinschaften, die Weiterentwicklung bestehender Versorgungsformen und Quartiersangebote. Diese und weitere Themen werden beim Pflegedialog aufgegriffen und gemeinsam diskutiert.

„Wir wollen weg vom Nebeneinander und hin zu einem abgestimmten Miteinander. Pflege gelingt nur, wenn wir Wissen teilen, Lücken benennen und gemeinsam Lösungen entwickeln“, unterstreicht Landrat Florian Lorenzen.

Heimkosten steigen – Vorsorge wird wichtiger

Der Pflegebedarfsplan thematisiert auch die steigende finanzielle Belastung: Der Eigenanteil für einen Platz in einer Pflegepflegeeinrichtung liegt derzeit bei durchschnittlich 3.105 Euro im Monat – für viele unbezahlbar. In der Folge steigen die Anträge auf Sozialhilfe. Das Verfahren umfasst eine Vermögensprüfung, denn grundsätzlich müssen Vermögenswerte wie Haus oder Wertpapiere eingesetzt werden, bevor Sozialhilfe bewilligt werden kann. Die Feststellung des Immobilienwerts dauert meist mehrere Monate. In dieser Zeit wird die Sozialhilfe häufig als Darlehen gewährt, das bei Ablehnung zurückzuzahlen wäre.

Hinzu kommt: Viele Menschen entscheiden sich erst für den Umzug in eine Senioreneinrichtung, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Dann fehlt aber bereits oft die Kraft und Übersicht, die gebraucht werden, um eine Pflegeeinrichtung auszuwählen und die Finanzierung sowie den Umzug zu organisieren. Sind keine Angehörigen oder rechtlichen Betreuer da, wird es schwierig.

„Wir raten daher allen Menschen dringend, rechtzeitig vorzusorgen – etwa mit einer Patientenverfügung, einer Vorsorgevollmacht und einer Betreuungsverfügung“, erklärt Fachbereichsleiter Christian Grelck. Beratung gibt es beim Pflegestützpunkt, bei den vom Kreis geförderten Betreuungsvereinen in Husum und auf Föhr sowie im Betreuungsamt des Kreises.

Tagespflege entlastet – und ist kein „Im-Stich-Lassen“

Tagespflege soll pflegende Angehörige entlasten: Pflegebedürftige verbringen dabei meist einen oder mehrere Tage pro Woche in einer Tagespflege-Einrichtung, etwa von 8 bis 16 Uhr. Dieses Angebot für pflegende Angehörige wird über das Budget aus der Pflegeversicherung finanziert. Dennoch gibt es Hemmschwellen, weil Angehörige Sorge haben, den geliebten Menschen „abzugeben“.

„Dabei fühlen sich die meisten Senioren in der Tagespflege gut aufgehoben“, weiß Saskia Voigt und betont: „Wer pflegt, braucht Pausen – für Arzttermine, für Freunde, für die eigene Gesundheit. Entlastung ist Teil guter Pflege.“

Allerdings deckt der Pflegebedarfsplan hier eine Versorgungslücke auf: In Nordfriesland gibt es knapp 7.200 Menschen, die ambulante Pflegesachleistungen in Anspruch nehmen, aber nur 161 Plätze in der Tagespflege. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 2,2 Prozent – und zeigt dringenden Handlungsbedarf.

„Pflege ist eine Gemeinschaftsaufgabe – gerade in einer alternden Gesellschaft“, fasst Landrat Florian Lorenzen zusammen. „Zusammen mit vielen bewährten Partnern in unserem Netzwerk stellen wir uns dieser Herausforderung. Uns allen ist aber auch bewusst, dass es hier nicht um einen Sprint geht, sondern um einen Marathon.“

Wer Inspiration für Projekte, Praxisbeispiele und Förderansätze sucht, wird auf zahlreichen Internetseiten fündig. Unter https://t1p.de/quartiersentwicklung hat der Kreis eine Auswahl zusammengestellt.

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