Diskussion zu Tourismus
Veröffentlicht von Stefan Gaul am 6. Juni 2026
„Mehr Mut, mehr Miteinander“ – Tourismus-Debatte auf Föhr wird zur schonungslosen Bestandsaufnahme.
Rund 100 Besucher im Kurgartensaal, zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum, viel Kritik, aber auch konkrete Ideen und Lösungsansätze: Die öffentliche Podiumsdiskussion „Quo Vadis Tourismus auf Föhr?“ entwickelte sich am Mittwoch zu einer der offensten und ehrlichsten Debatten über die Zukunft der Insel seit langer Zeit. Eingeladen hatten die Freien Demokraten Föhr-Amrum mit ihrer Vorsitzenden Sybille Rotermund und ihrem Stellvertreter Klaus Pott. Auf dem Podium saßen die tourismuspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion Annabell Krämer, der Geschäftsführer der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein Stefan Borgmann, der Geschäftsführer der Föhr Tourismus GmbH Jochen Gemeinhardt sowie Wyks Bürgermeister und Tourismuszweckverbandsvorsteher Uli Hess. Doch schnell wurde deutlich: Die eigentliche Diskussion würde nicht auf dem Podium stattfinden, sondern im Saal.

Schon bei der Begrüßung machte Sybille Rotermund deutlich, warum die Veranstaltung überhaupt entstanden war. In den vergangenen Monaten hätten sich immer mehr Menschen mit Sorgen, Beobachtungen und Fragen an sie gewandt. Gastronomen, Einzelhändler, Vermieter und Bürger würden zunehmend über die touristische Entwicklung der Insel diskutieren. Viele hätten das Gefühl, dass sich etwas verändert habe. Genau darüber wolle man sprechen – offen, ehrlich und ohne parteipolitische Scheuklappen.
Tourismus bleibt die Lebensgrundlage vieler Menschen
Zunächst richtete sich der Blick auf die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus. Annabell Krämer bezeichnete den Tourismus als eine der wichtigsten Säulen Schleswig-Holsteins. Gleichzeitig betonte sie, dass Tourismus nur funktionieren könne, wenn auch die Menschen vor Ort davon profitieren und die Entwicklung mittragen. Jochen Gemeinhardt verwies auf die Bedeutung der Branche für Föhr und stellte aktuelle Zahlen vor. Im Jahr 2025 habe die Insel ein Plus von 4,6 Prozent bei den Ankünften und 1,9 Prozent bei den Übernachtungen verzeichnet. Gleichzeitig beobachte man jedoch deutliche Veränderungen: Die Aufenthalte würden kürzer, Buchungen erfolgten immer spontaner und die wirtschaftliche Unsicherheit vieler Menschen beeinflusse das Reiseverhalten zunehmend.

Uli Hess griff einen Satz auf, der im Laufe des Nachmittags immer wieder zitiert wurde. „Stillstand ist Rückschritt“, sagte der Bürgermeister und machte deutlich, dass sich Föhr den aktuellen Herausforderungen stellen müsse. Gleichzeitig erinnerte er daran, dass viele Entwicklungen – von steigenden Kosten bis hin zu Infrastrukturproblemen – nicht allein auf der Insel gelöst werden könnten.
Familieninsel Föhr – aber wo bleiben die Familien?
Schon die ersten Wortmeldungen aus dem Publikum machten deutlich, dass viele Besucher den Eindruck haben, dass sich die Zusammensetzung der Gäste verändert hat. Langjährige Urlauber berichteten, dass sie deutlich weniger junge Familien auf der Insel wahrnehmen würden als noch vor einigen Jahren. Stattdessen seien immer häufiger ältere Gäste anzutreffen.

Mehrere Redner fragten deshalb, ob Föhr seinem eigenen Anspruch als Familieninsel noch gerecht werde. Bürgermeister Uli Hess räumte ein, dass insbesondere für Kinder ab einem bestimmten Alter attraktive Angebote fehlen würden. Gleichzeitig verwies er auf die geplante Modernisierung der Jugendherberge in Wyk, die künftig wieder stärker Familien ansprechen soll. Die Jugendherberge sei ein wichtiger Baustein für die touristische Entwicklung der Insel und könne gerade für jüngere Zielgruppen neue Impulse setzen.
Doch vielen Besuchern ging es um mehr als einzelne Projekte. Sie stellten die grundsätzliche Frage, welche Zielgruppen Föhr künftig überhaupt ansprechen möchte und wie die Insel sich langfristig positionieren will.
„Was ist eigentlich die Vision für Föhr?“
Genau diese Frage stellte Augenoptikermeister Tim Hetsch, dessen Geschäft einen Großteil seines Umsatzes mit Gästen erzielt. Er sprach Themen wie Wohnraum, Fachkräftemangel, Mobilität und touristische Entwicklung an und fragte schließlich, was die eigentliche Vision für die Insel sei. Gleichzeitig stellte er die Frage, ob der Werbeslogan „Friesische Karibik“ heute überhaupt noch zeitgemäß sei.
Jochen Gemeinhardt verteidigte den Begriff. Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Bezeichnung weiterhin Aufmerksamkeit erzeuge und Menschen dazu bringe, sich näher mit Föhr zu beschäftigen. Zudem fehle aktuell das Budget, um eine komplett neue touristische Marke zu entwickeln. Dennoch wurde im Verlauf der Diskussion deutlich, dass viele Teilnehmer nicht nur über einen Werbeslogan sprechen wollten. Sie wollten wissen, wofür Föhr künftig stehen soll.

Besonders bemerkenswert war dabei die Wortmeldung von Ulrike Wolff-Thomsen, Direktorin des Museums Kunst der Westküste. Sie erinnerte daran, dass bereits in den vergangenen Jahren Workshops mit Unternehmern, Touristikern und Vertretern der Insel stattgefunden hätten. Dort seien zahlreiche Alleinstellungsmerkmale Föhrs herausgearbeitet worden – vom Museum über Kulturangebote, den Golfplatz, die Whiskyproduktion bis hin zur Weinproduktion. Ihr Eindruck: Die Ideen seien längst vorhanden, würden aber zu selten konsequent umgesetzt.
Kritik an Kommunikation und fehlender Beteiligung
Je länger die Diskussion dauerte, desto deutlicher kristallisierte sich ein Thema heraus: Kommunikation. Zahlreiche Gewerbetreibende schilderten, dass sie sich bei wichtigen Entscheidungen nicht ausreichend eingebunden fühlen würden. Ferienwohnungsvermieter Uwe Barnert sprach von einem verlorengegangenen Kontakt zwischen den Entscheidungsträgern und den Menschen, die täglich vom Tourismus leben. Viele hätten das Gefühl, dass zwar über sie gesprochen werde, aber zu selten mit ihnen.
Besonders deutlich wurde Modehändlerin Claudia Prinzensing. Gemeinsam mit anderen Unternehmerinnen habe sie in den vergangenen Jahren zahlreiche Aktionen organisiert, um die Insel attraktiver zu machen. Modenschauen, Dekorationen, Veranstaltungen und Ideen seien oftmals aus Eigeninitiative entstanden. Gleichzeitig stellte sie die Frage, warum Stadt und Tourismusorganisation nicht häufiger aktiv auf die Menschen zugehen würden, die sich bereits engagieren.
Auch Eva Hückstädt vom Modegeschäft Onerbrek schilderte ihre Beobachtungen. Sie höre täglich die Rückmeldungen ihrer Kunden und nehme wahr, dass viele Gäste weniger Betrieb auf der Insel sehen würden. Die offiziellen Übernachtungszahlen der FTG würden deshalb nicht immer zu den persönlichen Eindrücken vieler Unternehmer passen. Jochen Gemeinhardt verwies darauf, dass die Zahlen auf den offiziellen Meldedaten basierten und deshalb belastbar seien.

Die Frage, die den Saal nachdenklich machte
Für einen besonders stillen Moment sorgte die Wortmeldung von Sascha Wolfgang-Rölke. Sie berichtete, dass sie erst vor wenigen Jahren auf Föhr aufmerksam geworden sei, obwohl sie zuvor viele Nord- und Ostseeinseln bereist habe. Daraus leitete sie eine einfache, aber wirkungsvolle Frage ab: „Warum sollte ich überhaupt nach Föhr kommen?“ Sie sprach über fehlende Veranstaltungen, abgesagte Angebote und zu wenig sichtbare Alleinstellungsmerkmale. Die Insel habe großes Potenzial, müsse dieses aber deutlicher präsentieren. Ihre Frage blieb anschließend förmlich im Raum stehen und wurde im weiteren Verlauf immer wieder indirekt aufgegriffen. Denn tatsächlich ging es an diesem Nachmittag immer wieder um genau diesen Punkt: Was macht Föhr einzigartig? Warum sollten Menschen ihren Urlaub ausgerechnet hier verbringen? Und wie kann die Insel ihre Stärken künftig besser sichtbar machen?

Flugplatz, Erreichbarkeit und Infrastruktur
Auch die Erreichbarkeit der Insel wurde intensiv diskutiert. Gäste aus Süddeutschland berichteten von langen Anreisezeiten und komplizierten Verbindungen. Dabei fiel mehrfach der Blick auf den Flugplatz Wyk. Einige Teilnehmer sahen darin eine Chance, die Insel künftig besser erreichbar zu machen.
Uli Hess machte deutlich, dass die Gespräche über die Zukunft des Flugplatzes derzeit laufen und deshalb nicht öffentlich kommentiert werden könnten. Gleichzeitig verwies er auf die grundsätzlichen Probleme bei Infrastrukturprojekten in Deutschland – vom Ausbau der Marschbahn bis hin zu Verkehrsprojekten entlang der Westküste. Für viele Teilnehmer wurde deutlich, dass die Frage der Mobilität in den kommenden Jahren eine Schlüsselrolle für die Entwicklung Föhrs spielen wird.
Mehr Mut statt immer neuer Diskussionen
Einer der stärksten Momente des Nachmittags kam von Benedikt König. Der Unternehmer brachte in wenigen Sätzen auf den Punkt, was viele Besucher zuvor bereits angedeutet hatten. Seine Forderung lautete: mehr Mut. Mehr Mut, neue Ideen auszuprobieren. Mehr Mut, Veranstaltungen zu wagen. Mehr Mut, jungen Menschen Verantwortung zu übertragen. Mehr Mut, Dinge einfach umzusetzen, statt sie immer wieder neu zu diskutieren. Gleichzeitig forderte er Stadt und FTG auf, aktiv auf Gewerbetreibende zuzugehen. Viele Unternehmer seien bereit, sich einzubringen, würden aber viel zu selten konkret angesprochen. Für diese Aussagen erhielt König den wohl lautesten Applaus des gesamten Nachmittags.
Auch Tim Hennig vom Dehoga machte deutlich, dass bereits erste Gespräche laufen und man neue Veranstaltungsformate sowie gemeinsame Projekte entwickeln wolle. Dabei werde man allerdings auf die Unterstützung vieler Partner angewiesen sein.
Der Wunsch nach einem neuen Miteinander
Je näher die Veranstaltung ihrem Ende kam, desto stärker rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie die Insel künftig zusammenarbeiten möchte. Petra Kölschbach warb dafür, nicht nur Politik und Tourismuswirtschaft einzubeziehen. Auch Vereine, Landfrauen, Feuerwehren, Naturschutzverbände, Bürgerinitiativen und Ehrenamtliche müssten künftig stärker beteiligt werden. Tourismus, so der Tenor vieler Wortmeldungen, könne langfristig nur funktionieren, wenn die gesamte Inselgesellschaft dahintersteht. Dafür brauche es mehr Austausch, mehr Transparenz und mehr Möglichkeiten, Ideen gemeinsam weiterzuentwickeln.
Am Ende des Nachmittags ging es deshalb längst nicht mehr um einzelne Veranstaltungen, Leerstände oder Werbeslogans. Immer deutlicher kristallisierte sich eine zentrale Botschaft heraus. Viele Ideen sind auf Föhr längst vorhanden. Was zahlreiche Besucher vermissen, sind häufiger Mut, Tempo und ein engerer Austausch zwischen Tourismus, Politik, Wirtschaft und Bevölkerung.
Als Benedikt König mehr Mut einforderte und anschließend mehrere Redner für mehr Miteinander warben, bekam genau das den größten Applaus des Tages. Vielleicht war das die wichtigste Erkenntnis dieser Diskussion: Nicht übereinander reden – sondern wieder miteinander.
Fotos: Stefan Gaul
