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DRF-Geschäftsführer im Interview

Veröffentlicht von am 21. Juni 2026

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„Point in Space” – Könnte diese Technik Rettungsflüge auf den Inseln deutlich zuverlässiger machen?

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Wenn auf Föhr, Amrum, Sylt oder den Halligen ein medizinischer Notfall passiert, zählt oft jede Minute. Doch gerade bei Nebel, tiefhängenden Wolken oder schwierigen Wetterbedingungen geraten selbst moderne Rettungshubschrauber an ihre Grenzen. Seit Jahren wird deshalb über ein spezielles satellitengestütztes Anflugverfahren diskutiert: „Point in Space“. Ein System, das Rettungsflüge bei schlechtem Wetter deutlich zuverlässiger machen könnte. Doch was steckt eigentlich dahinter? Und warum ist die Einführung in Deutschland bislang so kompliziert?

Darüber hat unsere Redaktion mit Jérôme Gehri, Geschäftsführer der DRF Luftrettung, gesprochen. Der Luftrettungsexperte kennt die Herausforderungen im Norden bestens. Seine fliegerischen Wurzeln liegen sogar in Schleswig-Holstein. Viele Jahre war er unter anderem auf der Luftrettungsstation in Niebüll im Einsatz und erst Anfang des Jahres wieder im Norden unterwegs – inklusive eines Fluges nach Föhr.

Vereinfacht gesagt: Ein GPS für Rettungshubschrauber

„Point in Space“ ist ein spezielles satellitengestütztes Instrumentenanflugverfahren für Hubschrauber. Vereinfacht beschrieben handelt es sich um eine Art hochpräzises Navigationssystem, das ähnlich wie ein GPS arbeitet. Während Rettungshubschrauber heute häufig auf Sicht fliegen müssen und dabei ständig Hindernisse, Gebäude, Stromleitungen oder andere Luftfahrzeuge im Blick behalten müssen, würde Point in Space deutlich mehr Möglichkeiten eröffnen. Die Besatzungen könnten festgelegte GPS-Punkte anfliegen und sich dabei auch durch Wolken oder schlechte Sichtbedingungen navigieren lassen. Der große Vorteil: Die Verfahren sind speziell für Hubschrauber entwickelt und deutlich flexibler als klassische Instrumentenanflüge großer Verkehrsflughäfen.

Warum die Inseln besonders profitieren könnten

Gerade auf Inseln wie Föhr, Amrum oder den Halligen könnte die Technik einen echten Unterschied machen. Wenn ein schwerer medizinischer Notfall eintritt, gibt es oft keine schnelle Alternative zum Lufttransport. Patienten müssen auf das Festland gebracht oder Notärzte auf die Insel geflogen werden. Fällt der Rettungshubschrauber wetterbedingt aus, wird die Situation schnell schwierig. Mit Point in Space könnten deutlich mehr Flüge auch bei schlechter Sicht durchgeführt werden. Laut Gehri geht es dabei nicht nur um Komfort oder Zeitersparnis, sondern um eine spürbare Verbesserung der medizinischen Versorgung.

Nebel ist aktuell oft das größte Problem

Viele Menschen denken bei schwierigen Flugbedingungen zunächst an Sturm. Tatsächlich bereitet den Luftrettern etwas anderes deutlich größere Sorgen. „Wind ist für uns meist gar nicht das Hauptproblem“, erklärt Gehri. Moderne Rettungshubschrauber können auch bei kräftigem Wind sicher operieren. Problematisch werden dagegen Nebel, tiefe Wolken oder Vereisungsbedingungen. Gerade gefrierender Nebel im Winter kann Einsätze unmöglich machen. Dann helfen auch Erfahrung und modernste Technik nur noch begrenzt weiter. In solchen Situationen müssen Flüge aus Sicherheitsgründen abgesagt werden.

Was Piloten bei schlechtem Wetter beachten müssen

Bei Sturm und Böen achten die Besatzungen vor allem auf möglichst ruhige Luftschichten. Höhere Flughöhen bieten oft weniger Turbulenzen als der Bereich direkt über dem Boden. Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem dem sogenannten „Downwash“, also dem starken Rotorabwind eines Hubschraubers. Vor allem bei Landungen in bebauten Bereichen oder auf engen Flächen muss dieser Effekt berücksichtigt werden. Auch Seitenwind stellt eine Herausforderung dar. Deshalb versuchen Piloten grundsätzlich so anzufliegen, dass sie möglichst direkt gegen den Wind landen können.

Warum dauert die Einführung so lange?

Die entscheidende Frage lautet: Wenn Point in Space so viele Vorteile bietet, warum wird das Verfahren nicht längst überall genutzt? Die Antwort liegt in der Komplexität der Luftfahrt. Neue Verfahren müssen von Flugsicherung, Behörden und Luftfahrtorganisationen entwickelt, geprüft und zertifiziert werden. Zusätzlich sind technische Anpassungen und umfangreiche Sicherheitsbewertungen erforderlich.

Die Luftfahrt gilt als einer der am stärksten regulierten Bereiche überhaupt. Entsprechend langwierig fallen viele Prozesse aus. Dennoch macht Gehri deutlich, dass inzwischen große Fortschritte erzielt wurden. Die notwendigen Anflugverfahren werden entwickelt und die technischen Voraussetzungen sind weitgehend vorhanden.

Sieben Prozent mehr Einsätze möglich

Wie groß der Nutzen tatsächlich sein könnte, zeigen interne Untersuchungen der DRF Luftrettung. An einer anderen Station wurde bereits ausgewertet, welchen Unterschied moderne Instrumentenanflugverfahren machen können. Das Ergebnis: Die Zahl der möglichen Flüge stieg um rund sieben Prozent. Auf den ersten Blick klingt das nicht spektakulär. Für die Luftretter sieht die Rechnung jedoch anders aus. Denn hinter jedem zusätzlichen Flug kann ein Mensch stehen, der schneller medizinische Hilfe erhält.

Hoffnung auf die Zielgerade

Wann Point in Space tatsächlich auf breiter Basis genutzt werden kann, lässt sich derzeit noch nicht exakt vorhersagen. Einen konkreten Termin wollte Jérôme Gehri deshalb nicht nennen. Dennoch zeigt er sich optimistisch. Aus seiner Sicht befinde man sich mittlerweile auf der Zielgeraden. Die Entwicklung schreite voran und die Chancen stünden gut, dass das Verfahren in absehbarer Zeit Realität wird.

Für die Menschen auf Föhr, Amrum, Sylt und den Halligen wäre das ein wichtiger Schritt. Denn am Ende geht es nicht nur um neue Technik – sondern darum, Rettungsflüge auch dann möglich zu machen, wenn jede Minute zählt und das Wetter eigentlich dagegen spricht.

Fotos: DRF Luftrettung u. Stefan Gaul 

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